Athenae Jenenses hieß das Schlaraffenreych in Jena — jedes Reych führt einen solchen Namen, meist die lateinische Form des Ortes. Hier war es mehr als das: „Athen an der Saale" nannte man die Universitätsstadt, und die Schlaraffen nahmen den Namen beim Wort. Zweiundvierzig Jahre lang, von 1895 bis 1937, wurde in Jena gesippt.
Wie es anfing: ein fahrender Ritter aus Elberfeld
Am 7. April 1895 bewilligte die Allmutter Praga — das Ursprungsreych aller Schlaraffia — auf Befürwortung der Elberfeldensis (34) die Gründung einer Kolonie in Jena. Sie hieß zunächst „Saal-Athen (Jena)"; in der konstituierenden Sippung gab sie sich den Namen Athenae Jenenses. Die Aufsicht über die junge Kolonie übernahm die Vimaria (85) aus Weimar, die bis heute von ihrer Tochter spricht.
Betrieben hat die Gründung ein einzelner Mann: Rt Treuherz der Moltke von Thamsbrück, profan Heinrich Zöllner, Kaiserlicher Oberpostassistent und fahrender Ritter der Elberfeldensis. Ein fahrender Ritter ist ein Schlaraffe ohne festes Reych — wer beruflich versetzt wird, nimmt sein Spiel mit. Zöllner nahm es mit nach Jena und baute dort ein neues auf.
Die Eröffnungssippung fand am 15. Mai 1895 statt. Eingeritten waren Recken aus Vimaria, Erforda, Glauchavia und Monachia. Die Sanktionsbulle — die Urkunde, mit der aus einer Kolonie ein vollwertiges Reych wird — trägt das Datum 30. November 1896; gefeiert wurde die Sanktion am 9. Januar 1897 in der Burg Creopolis. Die Stammrolle des ersten Jahres zählte siebzehn Sassen, im zweiten waren es zweiundzwanzig.
Creopolis — die Burg trug den Namen eines Weins
„Burg" heißt in der Schlaraffia schlicht das Haus, in dem gesippt wird. Die Jenaer Burg hieß Creopolis, nach „Creo", dem weißen Saalewein. Der Name blieb; das Haus wechselte mehrfach.
- Ab 1895: das Hotel zum schwarzen Bären am Lutherplatz — eines der ältesten Gasthäuser der Stadt.
- Ab 1900: das Hotel zur Sonne.
- 1904 bis 1909: das Theaterrestaurant, auch „Engel" genannt.
- Ab 1914: das Hotel „Deutsches Haus".
- 1924: eine Notburg im Weimarischen Hof.
- 1925: die Festburg in der Loge „Akazie am Saalestrand", Schützenstraße 7.
- 1934: wieder eine Wachtstube im Hotel Schwarzer Bär.
Dazu kamen Nebenstätten: die „Klause" in der Johannisstraße 3 und die Privatburg „Luginsland" des Hofphotographen. Im Sommer ging man zur Bratwurstsippung hinauf zum Fuchsturm auf dem Hausberg. Wo die Burg in den letzten Jahren, 1935 bis 1937, lag, ist nicht überliefert.
Gesippt wurde zunächst mittwochs um acht, später freitags; ab 1917 nur noch am ersten Samstag des Monats.
Pallas Athene, ein Lichtenhainer Kännchen und der Orden vom hohen Uha
Die Reychsfarben waren Blau-Gelb. Als Ahnen- und Ordenszeichen führten die Jenaer den Kopf der Pallas Athene — die Göttin der Weisheit für ein Reych, das sich nach Athen benannte. Der Willkomm, der Becher, aus dem der Gast trinkt, war ein Lichtenhainer Kännchen: das Gefäß für das trübe Jenaer Bier aus dem Nachbardorf Lichtenhain. Am 9. Februar 1901 verlieh die Allmutter Praga dem Reych den Orden vom hohen Uha.
Wer dazugehörte
Die Stammrollen nennen Handwerksmeister neben Professoren, Kaufleute neben Beamten — in der Schlaraffia wird der Beruf an der Tür abgegeben, aber er steht in den Listen. Einige Namen lassen sich heute noch zuordnen:
- Friedrich Haack (Rt Grapps der Parnassuskraxler), Hofphotograph in Jena, geboren am 11. Januar 1841, gestorben am 13. August 1915. In seiner Privatburg „Luginsland" wurde gesippt.
- Otto Haack (Rt Platte der Momentane), ebenfalls Photograph.
- Karl Köhler, Braumeister und Commerzienrat — passend zum Lichtenhainer Willkomm.
- Karl Staude sen., Hofzimmermeister.
- Paul Midan (Rt Kornreich der Immermobile), Kaufmann, ab 1922 Kommerzienrat, ab 1926 Geheimer Kommerzienrat und Erbschatzmeister des Reyches.
- Edmund Barczyk (Rt Liedermund), Komponist und Musiklehrer in Jena, geboren am 27. Oktober 1894, gestorben am 14. Dezember 1989. Er sippte nach dem Krieg in der Vimaria weiter.
- Franz Fieseler (Rt Franziskus der Unheilige), zwischen 1930 und 1935 im Auftrag von Zeiss mit den Planetarien in Philadelphia, Chicago und Paris befaßt.
- Heinrich Singer (Rt Enzio der Salier) wird in den schlaraffischen Meldungen als „Dr. jur. h. c., Oberbürgermeister der Stadt Jena a. D." geführt. Eine Bestätigung außerhalb dieser Quellen konnte bisher nicht gefunden werden.
Das Mutterreych der Ysenaha
Ein Reych, das stark genug ist, gründet selbst. Die Athenae Jenenses hat das zweimal getan.
Ende 1923 meldete sie der Allmutter die Absicht, in Eisenach zu gründen. Am 2. Februar 1924 kam die Bewilligung, Mutterreych Athenae Jenenses; am 6. und 7. Juni 1925 wurde die Ysenaha (243) sanktioniert. Ihr Gründer war Rt Archibald der Löwe, profan Rudolf Greiner, Zollrat aus Jena. Er wurde am 6. Juni in Eisenach seßhaft und starb dort am 15. August desselben Jahres — zehn Wochen nach der Sanktion des Reyches, das er aufgebaut hatte.
Die zweite Tochter war das Palatium Salevelde (270) in Saalfeld, gegründet am 30. April 1927 und Anfang 1929 zum Reych erhoben.
1937
Im Februar und März 1937 löste sich der Bund Deutsche Schlaraffia selbst auf — der Schritt, mit dem die deutschen Reyche einem Verbot zuvorkamen. Einen eigenen Auflösungsbeschluß der Athenae Jenenses gibt es in den ausgewerteten Quellen nicht. Überliefert ist etwas anderes, und es ist die letzte Nachricht aus diesem Reych: Am 12. Februar 1937 hielten Sassen der Athenae Jenenses gemeinsam mit Sassen der Gotaha eine Schlußsippung — nicht in Jena, sondern in der Ysenaha in Eisenach, bei der eigenen Tochter.
Nach 1945 wurde in Jena nicht wieder gesippt. Ob das Reych im Verborgenen weiterlebte, läßt sich nicht belegen. Belegt sind nur einzelne Sassen: 1954 saßen Jenaer bei einer kombinierten Sippung der Erforda, und Rt Liedermund sippte ab 1978 in der Vimaria.
Was davon bleibt
Zweiundvierzig Jahre schlaraffisches Leben in einer Stadt, die dafür gemacht scheint: eine kleine Universitätsstadt zwischen Muschelkalkhängen, mit Studenten, Professoren, Handwerkern und einem Wein, nach dem man eine Burg benennen kann. Ein Reych, das zwei Töchter hervorgebracht hat. Und ein Ende, das ausgerechnet bei einer dieser Töchter stattfand.
Vom Banner der Athenae Jenenses ist kein Beleg bekannt. Was an Akten erhalten ist, liegt im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (I. HA Rep. 227, Nr. 1075, 1077 und 1575); alles Übrige sind Streubelege.
Die Angaben folgen dem Reychsdossier zu Jena, Salzungen, Mühlhausen und Eisenach (Stand 25. September 2026), das sich auf die Deutsche Schlaraffen-Zeitung, die Chronica Allschlaraffiae, die Allschlaraffische Chronik und die Chroniken der Ysenaha und der Gotaha stützt. Wer weitere Unterlagen, Bilder oder Erinnerungen zur Athenae Jenenses besitzt, möge sich bitte melden — wir nehmen sie gern auf.
Geschichte der Schlaraffia
Athenae Jenenses war ein Reych unter vielen. Die folgende Darstellung gilt für den ganzen Bund und erklärt, in welche Bewegung sich Jena damals einreihte.
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
Und heute?
In Jena wird nicht mehr gesippt. In der Nachbarschaft schon — und wenn sich hier genug Menschen finden, ist auch hier nicht alles gesagt.